Arbeitsplatz Friedhof

Quelle: shop.hirnkost.de

Der einzige Tote, den ich in meinem Leben gesehen habe, war ein Fahrradfahrer, der vor unserem Haus von einem LKW überfahren wurde. Damals war ich etwa 13 oder 14 Jahre alt und beobachtete vom Fenster aus, wie die Notärzte versuchten, den Mann wiederzubeleben und es schließlich aufgaben. Dann holte mich meine Mutter vom Fenster weg. Das letzte, was ich sah, war, wie man die Leiche mit einem Tuch abdeckte. Das Bild werde ich nie wieder vergessen.

Volker Langenbein sieht so etwas täglich und oft noch viel schlimmere Dinge, denn der Mann ist Totengräber. Jetzt hat er ein Buch darüber geschrieben, wie er zu dem Beruf gekommen ist, und was er bei seiner täglichen Arbeit auf dem Friedhof alles erlebt. Und das ist ausgesprochen interessant.

Seien wir ehrlich, wer von uns weiß schon, wie die Arbeit eines Totengräbers aussieht. Die meisten haben keine Ahnung und wollen es auch nicht wissen. Wir sind Meister im Verdrängen, wenn es ums Sterben und den Tod geht. Und wir schauen vielleicht auch auf Menschen herunter, die solche »Drecksarbeit« für uns erledigen. Warum das so ist, ist eine der Fragen, die der Autor in seinem Buch zu beantworten versucht.

Er nennt sich Rusty und hat eine schwere Kindheit hinter sich. Der gewaltsame Tod des Vaters, das tägliche Überleben auf den Straßen der Vorstadt prägen ihn und bringen ihn bis ins Gefängnis. Als er 1993 eine befristete Stelle als Friedhofsgärtner angeboten bekommt, packt er sein Schicksal am Schopf. Er arbeitet sich hoch bis zum Leiter eines Stadtteilfriedhofs. Doch der Beruf zehrt, nicht nur an seinem Körper, sondern auch an seiner Seele. Die Rufbereitschaften, in denen er nachts Selbstmörder und Unfallopfer buchstäblich von der Straße kratzen muss, lasten zunehmend auf ihm. Am Ende steht er kurz vorm Scheitern.

Geradlinig erzählt Volker Langenbein seine Geschichte. Die Kapitel bauen in den ersten zwei Dritteln aufeinander auf und liefern dem Leser einen intimen Einblick in die Arbeit eines Friedhofs. Eine Menge Arbeitsschritte sind notwendig, um einen Toten zu bestatten. Die Leiche muss abgeholt, gewaschen, umgezogen und für die Aufbahrung geschminkt werden. Bei Unfallopfern müssen Wunden vernäht und Körperöffnungen verschlossen werden. Gräber müssen ausgehoben, Blumen für die Trauerfeier arrangiert und die Zeremonie vorbereitet werden. Und am Ende müssen Sarg oder Urne beigesetzt werden. Doch das ist längst nicht alles. Ein Totengräber muss auch Grabstätten verkaufen und Hinterbliebene trösten. Er steht an vorderster Front, wenn es darum geht, mit trauernden Angehörigen zu kommunizieren. Und das alles mit einem Hauptschulabschluss und zu einem mickrigen Arbeitslohn. Erst seit 2003 gibt es die offizielle Berufsbezeichnung »Bestattungsfachkraft« und erst seit 2007 hat man sich in Deutschland auf eine einheitliche 3-jährige Berufsausbildung geeinigt. Allein daran erkennt man, welchen Stellenwert der Tod in unserer Gesellschaft hat.

»Totengräbers Tagebuch« ist kein Roman. Es ist, wie schon gesagt, ein Tagebuch. Die Geschichten beruhen auf wahren Begebenheiten und echten Personen. Und hier liegt auch das Kernproblem. Es fehlen die Plotpoints, die Konflikte für die Hauptfigur und ein geschlossener Spannungsbogen. Auch wenn im Buch viele menschliche Schicksale angesprochen werden, für Rusty geht im Grunde alles gut aus. Er hat Erfolg, er arbeitet sich schnell hoch, wird von den Kollegen und Vorgesetzten anerkannt. Man sieht ihn nicht scheitern und wenn, liefert der Autor dies in einer Zusammenfassung nach. Das macht das Buch leider, ich will nicht sagen langweilig, aber vorhersehbar.

Ein guter Vergleich an dieser Stelle ist »Bob, der Streuner« von James Bowen. Das Buch des ehemaligen Junkies entstand auf ähnliche Weise. Auch er erzählt seine Lebensgeschichte und wie die Begegnung mit einem streunenden Kater sein Leben veränderte. Doch James Bowens Geschichte ist deshalb so erfolgreich, weil er auf dem Weg zum »Ruhm« immer wieder vom Schicksal gebeutelt wird oder an sich selbst scheitert.

Das Leben ist nicht gnädig, mit keinem von uns. Jeder stößt irgendwann an Grenzen, an denen er aufgibt oder sie überwindet. Keine Frage, es gehört Mut dazu, darüber zu sprechen. So gesehen hätte ich mir gewünscht, dass Volker Langenbein ein wenig mehr aus den dunklen Kapiteln seines Lebens erzählt hätte. Von den Momenten an denen er kurz davor stand aufzugeben, oder mehr über die Konflikte, in die er durch seine Arbeit getrieben wurde, zum Beispiel über die Trennung von seiner Frau. Ich hätte den Menschen hinter dem Totengräber gern noch ein bisschen näher kennengelernt.

Doch das ist Mäkeln auf hohem Niveau. Denn wie der Titel schon sagt, ist »Totengräbers Tagebuch« kein Roman, sondern ein Tagebuch und so sollte man es auch lesen. Es ist informativ und erweitert den Blickwinkel auf jene Menschen, die uns irgendwann einmal zu Grabe tragen. Es fördert die Wertschätzung für einen Beruf, der sowohl körperlich als auch psychisch unglaublich belastend ist und zudem schlecht bezahlt wird. Allein das zählt.

Co-Autor des Buches ist Klaus N. Frick, der als Punk im Anzug Erwähnung findet. Das Buch erschien im Juni 2019 im Hirnkost-Verlag und ist als Hardcover-Ausgabe und E-Book im Buchhandel erhältlich.

Langer Weg in den Norden

Beim Straßenbau scheint die Zeit stillgestanden zu haben

Autofahren ist echt nicht mein Ding.

Nach unserer Fahrt nach Prerow weiß ich auch wieder, warum ich lange Strecken lieber mit dem Zug zurücklege. Wir brauchten glatte sieben Stunden für die Fahrt von Saalfeld auf den Darß. Dabei nervten nicht nur die vier Baustellen auf der A9, sondern vor allem die Endlosbaustellen auf der A24. Mehr als 60-80 km/h durfte man dort nicht fahren, und der Verkehr war trotz Sonntag ziemlich dicht. Erst auf der A19 entspannte sich das Ganze wieder.

Und just als wir in Rostock von der Autobahn abfuhren, steckten wir in einem Stau. Irgendwo hatte es einen Unfall gegeben, der Hubschrauber flog über uns hinweg und von fern hörte man die Rettungsdienste nahen. Glück im Unglück – Wir standen direkt neben einer Abfahrt. Ich zückte mein Handy, ließ mir kurzerhand die Verkehrslage anzeigen und entdeckte, dass es eine Parallelstraße gab. Wir mussten bloß die Abfahrt nehmen, was wir dann auch taten. Und siehe da, wir brauchten nur ein paar Minuten, um an dem Megastau vorbei, am anderen Ende des Staus wieder auf die Hauptstraße zu gelangen. Wahrscheinlich haben wir uns so mehrere Stunden Warterei erspart. Hoch lebe das Smartphone und die NavigationsApp!

Auf der Bundesstraße fuhren wie nochmal 60 Kilometer direkt an der Küste entlang bis nach Prerow. Unteranderem passierten wir jenes Ostseehotel, was Tags zuvor abgebrannt war. Man nahm den Brandgeruch noch durch die geschlossenen Autoscheiben wahr. Die Ortsdurchfahrten waren allgemein ziemlich abenteuerlich. Überall gab es Fahrradfahrer und Fußgänger, die vor dem Auto herfuhren oder einfach über die Straße rannten. Das erforderte meinem Mann erhöhte Konzentration ab und das nach fast sieben Stunden Autofahrt. Mit Verwunderung nahmen wir zur Kenntnis, dass trotz Sonntag die Geschäfte geöffnet hatten, vorallem Discounter wie Aldi, Lidl und Co. In Bayern eine absolute Unmöglichkeit, hier Normalität.

Für die Anfahrt zum Hotel befragte ich nochmal die NavigationsApp, obwohl ich sonst lieber auf der Karte nachsehe und meinen Mann navigiere. In Prerow ist es aber unabdingbar. Die Seitenstraßen sind nicht nur schmal und in teils miserablem Zustand, sondern es sieht auch noch alles gleich aus. Die Siedlung wurde im Laufe der Jahrzehnte in den Sand zwischen die Bäume gebaut. Nach und nach sind die alten Häuser und Bungalows aus Ostzeiten modernen Einfamilienhäusern gewichen. Alles sehr schick, aber die Straßen dazwischen wurde nur hier und da erneuert. Teilweise sind es nur mit Betonplatten verstärkte Sandwege. Eng, löchrig und verwinkelt, auf denen sich Radfahrer und Fußgänger kreuz und quer bewegen. Mit großen oder tiefergelegten Autos kommt man da nur schwer durch. Mit unserem Corsa fanden wir den Weg jedoch ohne Probleme und waren ziemlich Lendenlahm, als wir vor dem Hotel aus dem Auto stiegen.

Wir checkten in dem gebuchten Bio-Hotel ein. Alles war sehr persönlich, wir bekamen eine kleine Führung, man zeigte uns wo wir uns »belebtes« Wasser zapfen konnten und wo die Behandlungen stattfinden werden. Dem Hotel angeschlossen ist nämlich ein Gesundheitszentrum mit Physiotherapie in ganzheitlicher Ausrichtung. An der Rezeption lagen schon unsere drei Termine zur Rückenmassage für die nächsten Tagen bereit (alles im Hotelpreis inbegriffen). Anschließend ruhten wir uns erstmal ein wenig aus und gingen dann in den Frühstücksraum, wo es gegen eine kleine Spende, jeden Nachmittag Kaffee und Kuchen gibt.

Am Abend wollte ich an den Strand. Von der Karte wusste ich, dass es ein gutes Stück zu laufen ist. Nach dreißig Minuten Fußweg sahen wir endlich das Meer und tauchten unsere Füße in feinen weißen Ostsee-Sand. Nur vom Meer selbst waren wir etwas ernüchtert. Die Ostsee ist nicht der Atlantik und auch nicht mehr das, was sie mal war. Als Kind habe ich darin gebadet. Es gab damals zwar Seetang und hin und wieder eine Qualle, aber die großflächigen braunen Algenteppiche, die jetzt an den Strand geschwemmt werden, gab es definitiv nicht. Es roch dementsprechend streng und man mochte eigentlich nicht barfuß am Wasser entlanglaufen. Wir taten es trotzdem und entdecken immer mal wieder Stellen, an denen weniger Algen waren. Trotzdem ist der Strand vollgeschwemmt. Auffällig auch die vielen schwarzen Miesmuscheln, die in dicken Klumpen am Strand lagen und vor sich hingammelten. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass es die in den Achtzigern schon hier gab.

Es war Abend, aber die Sonne steht im Juni in diesem Breiten noch hoch am Himmel. Es waren viele Leute unterwegs, einige mit Hund, andere in dicker Winterjacke. Wir liefen im T-Shirt und kurzer Hose herum und froren bei 22 Grad nicht. Wir sind aber auch jünger. Auffällig viele der Touristen waren Rentner. Die Mehrzahl der Leute, denen wir begegnen, gehört der Generation 50-Plus an, mehr oder weniger rüstige Senioren, meist aus Sachsen, Thüringen oder Berlin, aber auch aus Bayern. Wenn nicht auch einige junge Familien mit Babys und Kleinkindern unterwegs gewesen wären, wären wir schon fast aufgefallen.

Nach fast zwei Stunden Abendspaziergang fielen wir todmüde ins Bett. Apropos Todmüde. Vor dem Schlafengehen las ich voller Faszination noch einige Kapitel in einem Totengräberbuch und träumte prompt von Wasserleichen.

Steine & Muscheln, aber kein einziger Bernstein
Der Algenteppich hat schon was von einem Ölteppich
Es gab aber auch Stellen, die relativ sauber waren